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Hunde an der langen Leine

Grenzen und Möglichkeiten eines beliebten Hilfsmittels

 

Die lange Leine für den kurzen Draht zum Hund? Was sich zunächst wie ein Widerspruch anhört, kann das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier wesentlich erleichtern. Vorausgesetzt, das Hilfsmittel der langen Leine wird richtig eingesetzt. Als Instrument von Strafe, um Fehlverhalten nur zu verhindern, taugt sie ebenso wenig wie so manch anderes Zwangsmittel. Die Chance, den allgemeinen Gehorsam des Hundes zu verbessern, bekommt nur derjenige, der die lange Leine vorausschauend einsetzt.

 

Von Hartmut Wiedmann

 

Leinen, von denen hier die Rede sein soll, sind mindestens fünf Meter, unter Umständen sogar bis zu 20 Meter lang. Sie sollten so leicht wie möglich, aber zugleich stabil sein und am Ende keine Schlaufe haben. Materialien, die sich bei feuchten Wetter mit Wasser voll saugen und schwer werden, sind nicht sehr günstig. Die Farbe spielt keine Rolle. Die lange Leine soll zum einen verhindern, dass sich der Hund mit einem für den Menschen unangenehmen oder falschen Verhalten selbst belohnt, zum anderen die Beziehung und Bindung von Hund und Halter aufbauen und festigen helfen. Einleiten lässt sich die Erziehungsarbeit in jedem Fall mit einem konditionierten Verstärker, einem Clicker. Die Leine verhilft dem Hundeführer dabei zu einem Gefühl der Sicherheit: Es kann ja nichts passieren. Was wiederum die Konzentration auf das Wesentliche, nämlich den Hund, erhöht.

 

Grundsätzlich lassen sich drei Einsatzgebiete unterscheiden:

 

  • Ausbildung (kontrolliertes Lernen ermöglichen)
  • Vorbeugung (Unarten erst gar nicht aufkommen lassen)
  • Korrektur (Fehlverhalten abgewöhnen oder zumindest eindämmen).

 

Daneben gibt es selbstverständlich noch Einsatzgebiete einer langen Leine, die wenig mit Erziehung zu tun haben. In Regionen, in denen Hunde dem Leinenzwang unterliegen, verschaffen lange Leinen den Tieren etwas mehr Spielraum. Zudem bieten sie dem Hundehalter in unbekanntem Terrain Sicherheit, dass sich der Vierbeiner nicht selbstständig macht.

 

Verlängerter Arm

Im Prinzip wird die lange Leine als verlängerter Arm des Hundeführers eingesetzt. Sie erlaubt es, auf den Hund auch dann einzuwirken, wenn er sich nicht in unserer unmittelbaren Nähe befindet. Kontraproduktiv ist allerdings ein dauerndes Straffen und Rucken der Leine. Das versetzt den Hund in Stress, in einen Zustand permanenter Anspannung und Kontrolle. Er lernt dabei höchstens, sich anständig zu benehmen, solange er die Leine spürt. Ist sie weg, ist es meist Schluss mit dem Gehorsam. Auch mit einem Korrekturinstrument kann man Fehler ins Verhalten eines Hundes einbauen, die nachher wieder mühsam repariert werden müssen. Eine lange Leine ist also nur dann sinnvoll eingesetzt, wenn sie meist locker hängt – und nur im Notfall gestrafft wird.

 

Nicht die Lösung aller Probleme

Gewarnt werden muss aber vor der Einstellung, die lange Leine sei an sich schon die Lösung des Problems. Sie ist es nicht! Für einen Hans-guck-in-die-Luft unter den Hundeführern ist sie nicht geeignet. Zu groß ist die Verletzungsgefahr für Mensch und Tier, wenn der Hunde in einem unbeobachteten Moment zum Spurt ansetzt und voll in die sich zudem um Hals und Läufe verheddernde Leine rennt. Im schlimmsten Fall endet das in einer Bruchlandung – im wahrsten Sinn des Wortes. Um einerseits die Verletzungsgefahr zu minimieren und andererseits den Erziehungseffekt zu optimieren, bedarf es vollster Konzentration. Spazierengehen, ohne den Hund im Blick zu behalten, ist unmöglich. Schleppt die Leine über den Boden, muss der Hundeführer drauftreten können, bevor sich der Hund entzieht. Ist die Leine zu lang rausgelassen, kann man sie im richtigen Moment nicht schnell genug straffen. Jede Verzögerung behindert das Lernen und bringt nichts – schon gar nicht den kurzen Draht zum Hund.

 

Vor allem drei Kommandos lassen sich mit der langen Leine gut einüben:

 

  • Komm
  • Halt oder Stopp
  • Pfui

 

Wie immer, wenn wir mit dem Hund trainieren, müssen wir uns eines klar vor Augen führen: Hunde richten sich nicht nach Vernunftsgründen, sondern leben ihre Gefühle. Ihre  Welt ist, vereinfacht ausgedrückt, aufgeteilt in „angenehm“ und „unangenehm“. Und der Hund tut immer das, was sich momentan für ihn gut und richtig anfühlt. Manches fühlt sich für den Hund deshalb gut an, weil es seinem angeborenen Verhaltensprogramm entspricht. Heute weiß man, dass es selbstbelohnend ist, einem solchen Muster zu folgen, weil das Gehirn dabei sogenannte Glückshormone produziert, der Körper Endorphine ausschüttet. Gefühle sind aber auch die treibende Kraft beim Lernen. Alles, was für den Hund das Etikett „angenehm“ trägt, wird er gerne wiederholen. Dagegen wird er versuchen, allem Unangenehmen möglichst aus dem Weg zu gehen. Ganz besonders angenehm fühlt es sich an, Erfolg zu haben.

 

Besonders wichtig: Das erste Mal

Äußerst wichtig für die gefühlsmäßige Bewertung von Situationen und Handlungen

ist immer das erste Mal. Die erste Erfahrung ist besonders tief verankert. Und: Generell geht Lernen umso schneller, je stärker die dabei beteiligten Gefühle sind. Starke Erlebnisse positiver oder negativer Art prägen sich dem Gedächtnis des Hundes nachhaltiger ein als das tägliche Einerlei. Zu guter Letzt: Aus der Forschung weiß man, dass Hunde Ereignisse nur dann optimal miteinander verknüpfen, wenn sie innerhalb von einer halben bis höchsten einer Sekunden aufeinander folgen.

 

Diese Gesetzmäßigkeiten des Lernens müssen wir bei jeder Erziehungsarbeit befolgen und können sie uns zunutze machen.

 

 

Arbeitsfeld Nummer 1: Herankommen

 

 

 

 

Wer kennt die Situation nicht: Da ertönt von Herrchen oder Frauchen das Kommando „Hier“, aber Brutus hat gerade etwas Besseres vor, wittert eine interessante Fährte, hört auf ein reizvolles Geräusch oder sieht Nachbars Dackeldame. Die lange Leine kann helfen, dass Situationen, in denen Hunde uns den Stinkefinger zeigen (im übertragenen Sinne, versteht sich), erst gar nicht eintreten. Unzuverlässiger Gehorsam beim Heranrufen des Hundes rangiert auf der Hitliste der Erziehungsprobleme ziemlich weit oben. Die Ursache liegt meist im falschen oder fehlenden Aufbau.

 

Die Erziehung zum freudigen Herankommen fängt schon im Welpenalter an, wobei der Hundeführer nicht das Hörzeichen „Hier“ benutzen sollte, sondern ein anderes Wort – etwa „Komm“. Denn das Hier-Kommando bedeutet ab der Begleithundeprüfung für den Hunde nicht nur das flotte Hereinkommen, sondern auch den geraden, engen, aufmerksamen Vorsitz.

 

Bis zur 16./18. Woche lernt der Hund sehr schnell und nachhaltig. Alles, was er in dieser so wichtigen Sozialisierungsphase erlebt, sitzt tief in seinem Gedächtnis fest. Ziel muss es deshalb sein, dass der Welpe über Wochen nichts anderes erlebt, als auf das Signal seines Menschen hin immer, ohne jegliche Verzögerung und schnell zu kommen. So verknüpfen sich Verhalten und Signal nachhaltig.

 

Stellen wir uns doch mal vor: Da strolcht unser Kleiner über die Wiese und findet jeden Schmetterling aufregender als Herrchen oder Frauchen, oder er steht am Gartenzaun und wartet auf den Briefträger, der – was für ein Spiel! – immer verschwindet, wenn er wie toll am Maschendraht hochsteigt. Was tun? Ein Konzert an „Hier“-Rufen – mit der Zeit immer lauter und genervter – ist in solchen Fällen zwar die Regel, bringt aber überhaupt nichts. Für unseren Welpen ähnelt das Hörzeichen bald dem Gebimmel von Kuhglocken auf der Alm – die Kühe hören es nicht mehr. Sinnvoller ist es, bei unserem Liebling einen Moment der Aufmerksamkeit zu erwecken, indem ich etwa mit der Dose voller Lieblingsleckerli rassle, um ihn dann mit überschäumender Freude für den Augenkontakt zu belohnen, ihn mit Bewegung (rückwärts, nicht vorwärts!) anzuziehen und schließlich ausgiebig zu streicheln und mit einem Hundekeks oder wildem Spiel in seinem Tun zu bestätigen. Oder man beginnt die Heranrufen-Übung damit, dass man dem Welpen sein Lieblingsfutter zubereitet, während er von einem anderen Menschen - zwei, drei Meter entfernt - festgehalten wird. Er wird zu ihnen drängen, denn er sieht, hört und riecht ja, was sie tun. Sobald das Fressen fertig ist, gehen sie mit dem Napf in die Hocke und rufen ihren Welpen mit dem erlösenden Hörzeichen „Komm“ zu sich. Der kleine Kerl wird mit fliegenden Fahnen und voller Freude zu ihnen stürmen. Eine ideale Situation, die durch verbales Lob und einen primären Verstärker – nämlich das Futter – bestätigt wird.

 

Mit der langen Leine kann man diesen Lerneffekt (bei Herrchen und Frauchen ist es ganz toll, da geht ja wirklich die Post ab) auch draußen und unterwegs verfestigen. Allerdings zunächst nicht beim Spielen mit anderen Hunden oder beim Bummeln über den Wochenmarkt, sondern quasi unter Laborbedingungen beim einsamen Spaziergang oder im Garten. Von Laborbedingungen soll deshalb die Rede sein, weil sich der Hundeführer im Klaren darüber sein sollte, was und warum er etwas tut – mit einem sich stetig steigernden Niveau von Umweltreizen. Das heißt zuallererst: Die lange Leine ist weder dazu da, den Hund von Beginn zu bestrafen („lauf’ bloß nicht weg, sonst gibt’s Ärger“) noch dafür, ihn wie einen Fisch an der Angel einzuholen. Auch in Momenten, in denen der Hund vor einer ungewohnten oder neuen Situation stutzt, darf die lange Leine weder gestrafft noch geruckt werden. Dieses Signal von hinten (du darfst da nicht hin!) würde den Hund nur zusätzlich nach vorne treiben, unter Umständen sogar Aggressionen auslösen. Besser ist es in solchen Fällen, den Hund abzulenken und einen größeren Reiz zu setzen. Möglichkeiten gibt es genug: einfach mit der Zunge schnalzen, die Gehrichtung ändern oder (was meist prima funktioniert) so tun, als ob man etwas höchst Interessantes am Boden oder hinter einem Busch entdeckt habe. Da Neugierde bei den meisten Hunden ein starke Motivation darstellt, wird er nicht lange auf sich warten lassen. Die erste Annäherung mit einem „Komm“ bestätigt, wird das Kommando mit der Zeit zum Zauberwort – zum Versprechen auf Belohnung. Aber Vorsicht: Sie dürfen das Wort „Komm“ nur dann verwenden, wenn sie sich wirklich sicher sind, dass der Hund auch tatsächlich zu ihnen läuft und nicht mehr abbiegt.

 

 

 

 

Wenn der Aufbau des Heranrufens klappt, ist die lange Leine nur noch dazu da, falschem Verhalten vorzubeugen und es gegebenenfalls zu korrigieren. Sie soll dem heranwachsenden Hund, der besonders in der Pubertät und im Flegelalter gerne mal seine Grenzen (auch die des Gehorsams) austestet, vor allem eines vermitteln: Als Hundeführer ist man immer in der Lage, ein Hörzeichen auch durchzusetzen. Reagiert der Hund nicht prompt, sondern geht weiter seiner Wege, strafft sich die Leine, ertönt nochmals das „Komm“. Klappt die Übung, wird ausgiebig belohnt. Klappt sie nicht, wird mit einem kurzen, trockenen Ruck nachgeholfen. Wichtig in jedem Fall: Der Hund muss wissen, dass sich das Herankommen für ihn lohnt. Immer! Und noch eines ist entscheidend, vor allem für ältere Vierbeiner, die ein Problem mit „Komm“ haben: Der Hundeführer darf für recht lange Zeit seinen Hund nur dann rufen, wenn die lange Leine Ungehorsam verhindert. Zu frühes „Von der Leine lassen“ kann Probleme nur verstärken.

 

 

 

 

Arbeitsfeld Nummer 2: Anhalten

Braucht der Hund nicht zum Hundeführer zurückzukommen und genügt ein Anhalten, leistet die lange Leine ebenfalls gute Dienste. Mit dem Hörzeichen „Halt“ oder „Stop“ kann ich den Hund auch auf Distanz daran hindern, unkontrolliert über die Straße zu gehen, einen Radweg zu kreuzen oder auf einen anderen Hund zuzulaufen. Übrigens: Das Kommando „Steh“ gehört zur VPG-Prüfung auf den Hundeplatz, nicht aber in den Alltag.

 

 

 

 

Arbeitsfeld Nummer 3: Tabuisieren

Passanten anspringen, im Mist wälzen, Essensreste vom Boden fressen? Pfui ist das! Auch dieses Hörzeichen lernt der Hund recht problemlos an der langen Leine. Auch hier ist   wieder vorausschauendes Handeln von entscheidender Bedeutung. Stellt der Hundeführer gezielt Situation her, in denen der Hund in Versuchung geführt wird, kann die Korrektur im richtigen Moment erfolgen. Ein Stück Wurst an der Straßenecke, ein Passant, der nach dem Weg fragt – das sind Provokationen, die für die Arbeit mit der langen Leine eingesetzt werden können. Plant der Hundeführer die Lernprozesse nicht, kommt er oftmals zu spät und kann selbstbelohnendes Verhalten nicht verhindern.

 

Fazit

Nicht nur der Mensch, auch der Hund ist ein Gewohnheitstier. Das Anlegen der langen Leine legt den Vierbeiner mit der Zeit auch auf einen bestimmten Radius fest, den er nicht verlässt, ohne sich vorher per Blickkontakt wenigstens zu vergewissern, ob der Hundeführer damit einverstanden ist. Der hat dann wirklich die Wahl, den Hund zu sich zu rufen oder ein Freigabekommando zu geben. Das kann auch bei Hunden von Vorteil sein, die zum Jagen neigen. Grundsätzlich gilt: Die lange Leine darf anfangs nicht in Situationen angelegt werden, in denen der Hund vor lauter Umweltreizen nicht weiß, wo hinten und vorne ist. Erst wenn der Hund gelernt hat, was sein Mensch von ihm will, sollten die Anforderungen schrittweise gesteigert werden. Das gilt für den Umgang mit der langen Leine ebenso wie für jede Erziehungsarbeit. Am Ende ist die lange Leine dann effektiv eingesetzt worden, wenn sie so selten wie möglich, aber so oft wie notwendig gestrafft wird und sich am Ende selbst überflüssig macht. Bindung und Vertrauen des Hundes zum Hundeführer kann sie niemals ersetzen.

 

 

Literaturtipps:

Monika Gutmann: Mit zehn Metern zum Erfolg, Cadmos-Verlag, 94 Seiten, 16.90 Euro.

Thomas Baumann: Ich lauf schon mal vor, Baumann-Mühle-Verlag, 432 Seiten, 49 Euro.

Clarissa v. Reinhardt: Leinenaggression, animal learn Verlag, 71 Seiten, 14 Euro.

 

 

 

 

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