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„Lücken der Bindung lassen sich nur im Sozialen lösen“

(Text: Hartmut Wiedmann, Fotos Jannik Schramm)

Höher, weiter, schneller – im Hundesport schießen Ansprüche und Erwartungen gerne mal den Himmel. Doch stimmt das Fundament nicht, auf dem die Übungen fußen, dann folgt der Absturz früher als erwartet. Was kann man also tun, um dem Hund estabiles Verhalten auch Prüfungssituationen beizubringen? Welche Rolle spielt die soziale Ebene im Umgang mit unserem Teampartner? Wie schaffe ich eine Balance von Alltag und Sport, von Ruhe und Aktivität? Das war Thema eines Seminars des BK Oberstenfeld mit Carsten Wagner, bei dem es ausnahmsweise einmal nicht darum ging, wie man es anstellt, eine prüfungsrelevante Übung technisch noch besser auszuführen. Der Düsseldorfer Trainer ging stattdessen ins Grundsätzliche, ist selbst zwar nicht mehr im IGP-Sport unterwegs, hat sich allerdings seine Erfahrung und seWissen um lerntheoretische, neurologische und psychologische Prozesse unter anderem durch die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Hundesport- und Trainergrößen wie Knut Fuchs und Swen Preißler erworben.
„Mit Hunden leben“ das ist bei ihm Programm – und findet sich Wort und Bild methodisch und didaktisch sehr gut aufbereitet auf seiner Homepage. Stellt dich deHund im Alltag Frage? Wie wirkt die Umwelt auf deinen Hund? Hängt der Hund im Außen fest? Zieht und pöbelt er an der Leine? Verliert deHund hoher Erregung gerne die Kontrolle? Lässt er sich im sozialen Bereich nur dann auf dich ein, wenn er Lust dazu hat

Wer sich diese Fragen stellt und ehrlich beantwortet, ist schon auf einem guten Weg, sich selbst und das Verhältnis zum Hund zu reflektieren – und zu ändern.

seinem Lehrgang stellte Carsten Wagner Wege vor, die einem temperamentvollen Hund im Alltag und im Sport zu mehr Impulskontrolle, Konzentration und Aufmerksamkeit verhelfen. Dabei gehe es nicht um Gehorsam und Disziplin, wie er stets betont, sondern darum, die soziale Ebene zu verstehen und vor das formale Lernen zu stellen. „Die soziale Ebene ist das Fundament für die Balance von Aktivität und Ruhe“, sagt Wagner und benennt die positiven Effekte: Widerstände können besser gefühlt und aufgelöst werden, die Nähe zum Hund fördert Akzeptanz und Vertrauen und ermöglicht es, selbst belastenden Situationen mit ihm im Dialog zu bleiben. Eines machte Wagner im Lauf der beiden Lehrgangstage immer wieder klar: Ressourcen – das sind nicht nur Leckerlis und Spielzeug. Zu Ressourcen gehören auch Raum und Zeit, die man sich selbst und seinem Partner einerseits nimmt, andererseits aber auch lassen muss.
Zwei Werkzeuge spielen Carsten Wagners Erziehungskonzept eine zentrale Rolle: die Flexpole und die Longe. Das haben die zwölf Teams mehreren Trainingseinheiten lernen können. Die Reizangel fördert Bindung durch das Spielen mit Distanz und Nähe. Durch sie versteht der Hundesportler, was es bedeutet, Widerstände zu erkennen und Energie umzuleiten. Statt sich im Fokus nach außen zu verlieren, lernt der Hund, die Orientierung zu seinem Menschen zu gehen und achtsam zu sein.
Bei der Arbeit mit der Longe geht es zwar auch um den Wechsel von Distanz und Nähe. Darüber hinaus kann sich der Hund der Bewegung emotional „herunterfahren“. Er lernt, durch wachsende Ablenkungen mit Belastungen umzugehen, was wiederum seSelbstbewusstseund seine mentale Stärke aufbaut. Und die Longe ist eInstrument, das dem Menschen zeigt, wie stark Verbundenheit und Vertrauen die Teamarbeit gewachsen sind. Beide Instrumente, Flexpole und Longe, haben zwar bereits Eingang den Übungsbetrieb des BK Oberstenfeld gefunden, wurden allerdings an diesem Wochenende intensiver als bisher eingesetzt.
Entspannt sein, Sicherheit geben, verbunden sein, Selbstbestimmtheit fördern – das sind laut Carsten Wagner die vier Säulen für eine stabile Bindung im Mensch-Hund-Team. Das wurde den Lehrgangsteilnehmern theoretisch und praktisch immer wieder vor Augen geführt. Authentizität und Glaubwürdigkeit waren weitere Stichworte, die er bei allen Übungen ins Spiel brachte.
Am Ende des Tages wuchs die Erkenntnis, dass man einen Hund nicht alleüber das „Sportmodell“ erziehen kann. Wer sich am Formalen festbeißt, vernachlässigt nicht selten das soziale Miteinander und schafft Angriffsflächen für Konflikte. „Probleme auf dem Hundeplatz sind ja nicht dort, sondern im Alltag entstanden“, weiß Carsten Wagner. Die intensive Feedback-Runde zum Abschluss des Seminars zeigte, auf welch fruchtbaren Boden Carsten Wagners theoretische Ausführungen gefallen sind.

Und auf dem Platz konnte jeder mit seinem Hund erleben, dass es auch der Praxis funktioniert. EAnsporn, dranzubleiben, waren die Vorführungen von Carsten mit seiner Malinois-HündHummel. Ruhiges Arbeiten trotz hoher Energie, Sortiert-Bleiben jeder Trieblage, Zuwendung annehmend – was gemeinhUnterordnung heißt, das war fast schon Tanzen mit dem Hund.